„Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“ bedankt sich beim RaS-Netzwerk

Was haben wir da eigentlich gemacht?

Zunächst mal ein dickes Dankeschön an alle Initiativen und Einzelpersonen aus dem Netzwerk Recht auf Stadt, die uns engagiert und kompetent bei der Verwirklichung der Idee „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“ unterstützt haben. Stellvertretend möchte ich den vielen Leuten aus dem Gängeviertel danken. Mit der Marathonlesung haben sie ein kräftiges Lesezeichen gesetzt und vielen Kreativen die Gelegenheit gegeben, Vattenfall, dem Klimakiller und Betreiber von Pannenreaktoren die Leviten zu lesen. Je nachdem, wie wir die Marathonlesung zählen, als drei Programmpunkte, oder mehr, sind es insgesamt 60 oder mehr als 60 Veranstaltungen, die wir im ersten Jahr der Aktion auf die Beine stellen konnten. Und wir fangen erst richtig an.

Vattenfalls Lesetage wurden zunehmend zur Provokation und wurden von immer mehr Menschen als PR-Aktion empfunden, mit der Vattenfall von seinem dreckigen Kerngeschäft ablenken will. Dieses Ablenkungsmanöver haben wir nicht nur öffentlich benannt, wie im vergangenen Jahr, sondern diesmal haben wir ihm eine positive Alternative gegenüber gestellt und damit erhebliche Diskussionen in der Stadt ausgelöst und sogar bundesweit.

In den Jahren zuvor war die Situation so:

Mit 120 Veranstaltungen gab Vattenfall das nette Unternehmen, das der HHer Bevölkerung Jahr für Jahr ein Lesefestival spendiert. Und Vattenfall verstand es, viele HelferInnen für die „gute Tat“ Vattenfall Lesetage (VL) mit einzubinden, überall in der Stadt: z.B. die diversen Veranstaltungsorte von der Buchhandlung, über Bücherhallen, Museen, Theater, Stadtteilzentren, Schulen, Kinos etc. Jene, die es einfach nicht übers Herz brachten, den Klimakiller als Kultursponsor zu akzeptieren, rieben sich bei einem Blick ins Programmheft der VL ziemlich häufig die Augen und wunderten sich „Was, die auch?!“ Von Mitarbeitern der entsprechenden Einrichtungen war sogar zu hören, man traue sich nicht, das großzügige Angebot, eine von Vattenfall finanzierte Veranstaltung + das Geld für Raummiete, abzulehnen, weil sich das evtl. negativ auf andere Finanzierungsmöglichkeiten auswirken könne. Gehört wirklich schon Mut dazu, auf die Segnungen des Energiekonzerns zu verzichten? Allerdings hatten etliche die Zusammenarbeit mit ihm bereits abgelehnt, bevor wir aktiv wurden. Und darüber hinaus konnten wir für die Aktion „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“ auch mehrere Einrichtungen als Veranstaltungsort gewinnen, die zuvor mit Vattenfall bei den VL kooperiert hatten. Mehrere haben ihre Abkehr von Vattenfall als Kultursponsor auch zum Anlass genommen, Vattenfall auch als Energielieferant eine Absage zu erteilen und sind zu Ökostromanbietern gewechselt. Genau das wollten wir ja auch mit unserm Motto. Es bedeutete viel Kleinarbeit, aber sie war uns wichtig, weil wir diesem Konzern nicht die Stadt überlassen wollen. Und bereits im ersten Jahr unserer Aktion haben wir Etliches erreicht, auch Dank Eurer Unterstützung. Uns ist bewusst, dass leergeräumte staatliche Kulturetats den Raum frei geben für das Sponsoring von Konzernen wie Vattenfall. Allerdings kann es nicht schaden, sich mal die Frage durch den Kopf gehen zu lassen, ist eine gesponserte Republik noch eine Republik? Und wer bestimmt die Optik in der Stadt? Aus Anlass der Vattenfall Lesetage ist der Lobbyist für Laufzeitverlängerungen massiv in der Stadt präsent, nicht nur mit Großplakaten, sondern seine Programmhefte liegen in allen Stadtteilen, in Bücherhallen, Schulen, Buchhandlungen, Kneipen Cafés, etc. An dieser Materialschlacht können und wollen wir uns nicht beteiligen. Aber je mehr wir werden, desto besser, sprich phantasievoller können wir auf so etwas reagieren. Erste lustige Aktionen – ganz unabhängig vom Orga-Team – hat es bereits gegeben. Sogar ein 11-Jähriger erzählte mir, er habe Programmhefte der VL ´umgestaltet´ Packen für Packen und dann wieder zurückgelegt an den alten Platz in der Bücherhalle. Wir haben nur per Zufall davon erfahren, vielleicht gab es mehr solche Aktionen.

„Das muss man trennen“, wurde uns manchmal entgegnet, wenn wir darüber sprachen, dass sich ein Klimakiller wie Vattenfall nicht als Kultursponsor eignet. Besonders in verschiedenen Medien wurde diese Position vertreten. Genau das ist mit der Greenwashing Aktion verbunden, Kultur losgelöst von sozialen Bewegungen in einer Stadt zu betrieben. Vielleicht ist es auch bewusst beabsichtigt. Zu „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“ gehört die Idee, Kultur im Kontext zu sehen, in Verbindung mit sozialen und ökologischen Bewegungen. Deswegen ist der Titel für die Aktion so lang und enthält unverzichtbar auch den zweiten Teil hinter dem Gedankenstrich. Manche von denen, die der „Trennung“ von Kultur und (Energie)Politik das Wort reden, geben an, längst Ökostrom zu beziehen, und das dürfte stimmen. Aber haben die das mit der Trennung von Vattenfall zu Ende gedacht? Wenn sich genügend NachahmerInnen finden, die Vattenfall schon mal als Stromlieferant Tschüss sagen, müssten sie sowieso bald auf Vattenfall als Kultursponsor verzichten. Nun, wir haben schon mal angefangen und gezeigt, wie´s gehen kann. Nicht nur ohne Vattenfall als Energielieferant, das kennen viele ja schon, es müssen aber mehr werden, sondern auch ohne Vattenfall als Kultursponsor. Der vielfältigen Problematik des No-Budget-Festivals sind wir uns dabei bewusst.

„Selber machen“ war aber nicht nur aus Kostengründen angesagt.

Wir wollten und wollen möglichst viele Menschen mit einbeziehen, vom Schüler, der aus seinem Lieblingsbuch vorliest oder Selbstgeschriebenes bis zur preisgekrönten Autorin. Genauso wenig wie es sinnvoll ist, das Sporttreiben den Profis zu überlassen und das Kochen den Fernsehköchen, setzen wir auf passiv konsumierbare Eventkultur. Klar, sich zurücklehnen und Highlights genießen, ist auch mal schön; aber gerade wer – auch – „selber macht“, kann das besonders gut. Kompetenz einseitig an Profis abzugeben, birgt die Gefahr, sich selbst zu entmündigen. Das wollen wir nicht. Das relativ kleinteilig angelegte Konzept von „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“ bedeutete nicht, auf bekannte Namen zu verzichten. Aber die Veranstaltungen mit Harry Rowohlt oder der Büchnerpreisträgerin Brigitte Kronauer waren eingebunden in diese „Lesetage von unten“ und in das Konzept, Vattenfall den Konsens und die Räume in dieser Stadt zu entziehen und sie für uns zu erschließen. Das Konzept, auf die Beteiligung vieler zu setzen, ist bereits im ersten Anlauf gut aufgegangen, und in diese Richtung wollen wir weitergehen – möglichst mit Eurer Hilfe.

Was die Medien anbelangt, waren die meisten über Monate (unsere erste PK war im Dezember) sehr „zurückhaltend“. Später unterlagen viele der Versuchung, das energiepolitische Motiv von „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“ zu „vergessen“. Und bei NDR 90,3 fragten wir uns Ìst das noch öffentlich-rechtlich oder Radio Vattenfall?

Der Konzern scheint verunsichert. Anders als sonst üblich gibt es für 2012 noch kein Datum. Aber für uns gilt Nach den Lesetagen ist vor den Lesetagen. Wer bereits Vorschläge und Hilfsangebote machen möchte, nur zu, gerne an astridmatthiae@gmx.de.

Und die bedankt noch mal ganz herzlich auch im Namen des Orga-Teams. HH 27/4/2011

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