Offener Brief an den NDR

Hamburg, 4.4.2011

Sehr geehrte Frau Eisenführ, sehr geehrter Herr Marmor,

der NDR ist mit den Programmen NDR 90,3 und dem Hamburg-Journal wieder Medienpartner des Vattenfall-Konzerns für die „Vattenfall Lesetage“. Im letzten Jahr gab es bereits Protest gegen die 90,3-Partnerschaft von Seiten der Initiative „Moorburgtrasse stoppen“. Dass in diesem Jahr das Fernsehformat „Hamburg-Journal“ als Vattenfall-Medienpartner hinzugekommen ist, empfinden wir als äußerst befremdlich. Es ist uns unerklärlich, wie ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen) eine Medienpartnerschaft mit einem Energie-Multi eingehen kann, der keine Kultur produziert, sondern Atom- und Kohlekraftwerke, und der zum Energie-Oligopol der vier Stromriesen gehört, die in Deutschland die desaströse Wende zurück zur Atomenergie durchgesetzt haben.

Es geht nicht darum, dass Wirtschaftsunternehmen eine Sponsorenrolle übernehmen und aus ihren Gewinnen bestimmte kulturelle Bereiche fördern. Es geht auch nicht darum, dass der NDR Kooperationen mit kulturellen Institutionen (Bühnen oder Konzertsälen oder Verlagen etc.) macht, um die Kosten für besondere kulturelle Leistungen zu teilen, indem der NDR Senderechte für solche besonderen kulturellen Leistungen erwirbt.

Uns geht es darum, dass Vattenfall mit den Lesetagen (die ja von den ehemals KOMMUNALEN HEW übernommen wurden) ein Greenwashing für die vollkommen verfehlte Energiepolitik betreibt. Indem die Lesetage „Vattenfall-Lesetage“ genannt werden und jeweils ein Vertreter von Vattenfall jede Veranstaltung betreut und den Namen des Konzerns präsent hält, wird suggeriert, dass Vattenfall eine kommunale Aufgabe übernimmt. Einem privatisierten Energiekonzern aber geht es nicht um kommunale Kultur, sondern um Gewinne, und die Lesetage sind nur ein Beitrag zur Marke des Konzerns. Eine kommunale und kulturelle Aufgabe kann nicht Vattenfall heißen. Und die Gebührenzahler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks können nicht verpflichtet sein, mit ihrem Geld zur Imagepflege eines Atom- und Kohlekraftwerksbetreibers beizutragen.

Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist in der Pflicht, über die Kulturereignisse genau wie über Energiefragen ausgewogen und kritisch zu berichten. Dem steht eine Medienpartnerschaft praktisch entgegen! Als Partner sind Sie auf derselben Seite mit Vattenfall und müssen, durch die ausdrückliche Partnerschaft, doch die kritische Durchleuchtung dieser Lesetage vernachlässigen.

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima erfährt die Energiepolitik des Vattenfallkonzerns, die sich auf Atom- und Kohlestrom konzentriert, eine verschärfte Ablehnung. Viele Menschen haben jetzt die Konsequenz gezogen und endlich den Stromanbieter gewechselt – und auch zu den von Vattenfall gesponserten Lesetagen gibt es eine Alternative: Die „Lesetage von unten“ (MOPO) starten am Mittwoch unter dem Motto „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“. Wir setzen mit mehr als 50 Veranstaltungen ein deutliches Zeichen gegen das Greenwashing eines Konzerns, der eine komplett verfehlte Energiepolitik verfolgt, und für eine starke kommunale kulturelle Bewegung.

Wir erklären uns ausdrücklich gegen die Medienpartnerschaft des NDR mit den Vattenfall-Lesetagen. Wir fordern den NDR auf, aus der Medienpartnerschaft mit Vattenfall auszusteigen und die Medienpartnerschaftsverträge zwischen Vattenfall und dem NDR offenzulegen.

Wir rufen den Sender dazu auf, die Energiepolitik des Konzerns kritisch zu durchleuchten und die Aufgaben eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks wahrzunehmen, der von Konzerninteressen unabhängig Bericht erstattet. Außerdem dürfen die Berichte über die Vattenfall-Lesetage keinesfalls Priorität haben vor anderen kulturellen Ereignissen in Hamburg.

Wir erlauben uns, eine Kopie dieses Offenen Briefs parallel an die Presse zu schicken.

Wir erwarten gern Ihre Stellungnahme und grüßen freundlich

für das Organisationsteam von „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“: Angela Banerjee, Marianne Heidebruch, Astrid Matthiae, Hanna Mittelstädt, Hartmut Ring, Hans-Peter Weymar

Brief als PDF

Home